Erinnerungskultur

„Jeder Tag wie heute“ – Erinnerungskultur in der Gegenwartsliteratur

 Ron Segal zu Gast an der FOS Germering

„Shalom!“, so begrüßte der israelische Schriftsteller und Regisseur Ron Segal die Schülerinnen und Schüler der 10. Und 11. Klassen sowie die Teilnehmer des Seminars „Erinnerungskultur als gesamtgesellschaftliche Herausforderung“ zu seiner Lesung aus seinem Roman „Jeder Tag wie heute“, die dank der großzügigen Unterstützung des Fördervereins der FOS Germering am 13. Oktober 2025 in den Räumen der Fachoberschule stattfinden konnte.

Nach einer herzlichen Begrüßung im Namen der Schulgemeinschaft durch die Schulleiterin Evelin Buksch und die Mitglieder des Seminars stellte der Autor zunächst einen Bezug zwischen der Thematik seines Buches und seiner eigenen Biografie – der Deportation und Ermordung seiner Urgroßeltern – her.  Es folgt ein kurzer Einblick in die Entstehungsgeschichte des 2014 erstmals in deutscher Sprache erschienenen Romans, der ursprünglich ein Drehbuch werden sollte. Dafür recherchierte Ron Segal im Visual History Archive der USC Shoah Foundation, der weltweit größte Interviewsammlung zum Holocaust. Zentrales Motiv des Romans ist die brüchige Erinnerung des Protagonisten Adam, die eine Parallele zu Segals eigenem Herantasten an die Geschichte als jungem Vertreter der dritten Generation darstellt, der, konfrontiert mit einer Flut bereits vorhandenem Materials, eine eigenständige Sicht entwickeln musste.

„Jeder Tag wie heute“ behandelt die Geschichte von Adam Schumacher, einem neunzigjährigen israelischen Schriftsteller und Holocaustüberlebenden, der gegen seinen inneren Widerstand nach Deutschland zurückkehrt, um seine Erinnerungen aufzuschreiben. Dieses Vorhaben wird dadurch erschwert, dass der Protagonist an Demenz leidet, weshalb sein Gedächtnis zunehmend schwindet und sich historische Fakten, Traum und Erinnerung mehr und mehr vermischen.

Segal begann seinen Vortrag auf Hebräisch, um den Schülerinnen und Schülern einen Eindruck vom Klang seiner Muttersprache zu vermitteln, und übersetzt die Inhalte nachfolgend ins Deutsche. Die gewählten Ausschnitte gewährten einen Einblick in den Umgang der Protagonisten mit ihrer Lebensgeschichte und zeigten unterschiedliche Strategien auf, das Erlebte zu bewältigen.

 

Die Lesung wurde durch die Vorstellung des Filmprojekts „Adam“, das auf Segals Roman basiert und an dem der Autor derzeit arbeitet, abgerundet. Neben Skizzen zu den Protagonisten, die im Rahmen von Charakterstudien in Zusammenarbeit mit einem Art Director entstanden sind und mehrfach überarbeitet wurden, bekamen die Schülerinnen und Schüler auch einen Teaser des Animationsfilm zu sehen, der einen Eindruck von der bislang geleisteten Arbeit vermittelte und die Komplexität des Arbeitsprozesses anschaulich illustrierte.

Ein Interview mit dem Autor, moderiert von den Mitgliedern des Seminars, bildete den Abschluss der Veranstaltung. In diesem Rahmen war es auch den übrigen Schülerinnen und Schülern möglich, Fragen an den Autor zu stellen. Im Mittelpunkt des Interesses standen die Inspiration Segals für seinen Roman, die Deutung der Bild- und Symbolsprache sowie die Überlegungen, die der Zeichnung der Charaktere vorausgingen. Zudem wurde der Autor auch nach seiner persönlichen Motivation für seine Lesungen an Schulen und nach besonderen Erlebnissen während vergangener Veranstaltungen befragt, die ihm im Gedächtnis geblieben sind.

Die Veranstaltung bot dem Publikum die Möglichkeit, einen individuellen Zugang zur Geschichte des Protagonisten zu finden und sich auf diese Weise mit der Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust und den damit verbundenen persönlichen Schicksalen von Opfern und Überlebenden für die Gegenwart auseinanderzusetzen. Das gelang vor allem durch die dichte Erzählweise, die bild- und symbolstarke Ausgestaltung sowie die Verwendung vielfältiger, deutungsoffener, teils humoristischer, aber auch irritierender Elemente.

Segals Roman stellt dementsprechend keine traditionelle Form der Aufarbeitung, sondern eine moderne Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Holocaust dar, die mit zunehmendem Abstand von den historischen Ereignissen und dem Verlust der letzten Zeitzeugen an Bedeutung gewinnt. Der Schriftsteller setzt inhaltlich auf die Darstellung emotionaler Wahrheit, statt bloße Daten und Fakten wiederzugeben und bereits erzählte Geschichten zu wiederholen. Der Wunsch, künftigen Generationen die Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust und die damit verbundenen Schicksale zu vermitteln sowie mit jungen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, wie diese Erinnerung lebendig gehalten werden kann, ist Segals Motivation für seine Lesereisen. Dass dieses Anliegen aufgeht, zeigte sich am großen Interesse und der regen Beteiligung der Schülerinnen und Schüler an der Diskussion.

Die Schulgemeinschaft der FOS Germering bedankt sich herzlich für das große Engagement sowie den bereichernden Austausch und wünscht Herrn Segal für seine weitere Arbeit zahlreiche, von Interesse und intensivem Dialog geprägte Begegnungen mit jungen Menschen, die seine Erzählungen offen und aufmerksam aufnehmen und sich der gemeinsamen Verantwortung bewusst sind, die Erinnerung an das Geschehene zu bewahren.

 

Seminar „Erinnerungskultur als gesamtgesellschaftliche Herausforderung“